Flipped Classroom ohne Video: Stamm-Experten-Gruppe

Für viele interessierte Lehrkräfte, die neugierig auf den „Flipped Classroom“ geworden sind, stellt das Unterrichten mit Erklärvideos einen ersten Zugang zu diesen Konzept dar. Liest man sich dann tiefer in das Thema ein, wirft einen Blick auf die Arbeitsweise und Materialien von Lehrkräften, die dieses Konzept schon anwenden, oder besucht man gar Fortbildungen oder Tagungen zum Flipped Classroom, wird die These häufig noch verstärkt, der Flipped Classroom wäre ein Synonym für das Unterrichten mit dem Medium Video.

Medien- und Methodenvielfalt bereichern das Lernen

In der Tat sind Erklärvideos eine beliebte und sinnvolle Möglichkeit, seinen Unterricht umzudrehen. Es gibt viele tolle Werkzeuge, um ansprechende und qualitativ hochwertige Videos zu produzieren und vielfältige Wege, sie den Lernenden zur Verfügung zu stellen. Außerdem ist es für die Schülerinnen und Schüler bequemer und bestimmt ansprechender, sich ein Video anzusehen als sich das Thema etwa mit Hilfe des Schulbuchs zu erarbeiten.

Infografik FC

Grafik von Oliver Tacke

Herzstück des umgedrehten Unterrichts ist aber nicht das Medium Video, sondern die Verlagerung von (meist lehrerzentrierten) Einführungsphasen. Anstatt ein Thema in der Schule im gleichen Tempo zu lernen, erarbeiten die Lernenden den Stoff selbstständig in Vorbereitung auf die nächste Stunde um die so gewonnene Unterrichtszeit zum Üben, Vertiefen und personalisierten Lernen zu verwenden.

Dabei muss die Vorbereitung bzw. Erarbeitung der Inhalte nicht immer per Video stattfinden, sondern kann genauso gut in Form von Arbeitsblättern, Wiki-Einträgen oder anderen Medien stattfinden, die den Sachverhalt erklären. Dabei muss – wie beim Video auch – darauf geachtet werden, dass die Erklärungen klar formuliert sind und ohne weitere Hilfestellungen durch die Lehrkraft verstanden werden können.

Beispiel: Arbeitsblatt und Stamm-Experten-Gruppen im Flipped Classroom

In einer umgedrehten BwR-Stunde möchte ich das Thema „Verpackungsmaterial und Ausgangsfracht“, das aus drei Teilbereichen besteht, nicht in Form eines Videos einführen. Stattdessen soll sich jeweils ein Drittel der Klasse mit einem Teilbereich beschäftigen und diesen den Mitschülern als „Experten“ in kleinen Gruppen erklären.

Ich habe für mich die Erfahrung gemacht, dass die Methode zwar gut funktioniert, im Unterricht aber nach der Erarbeitung und Sicherung kaum noch Zeit bleibt, um das erarbeitete Thema auch wirklich zu üben. Hier kommt der Flipped Classroom ins Spiel:

Zur Vorbereitung auf ein kurzes Treffen in der Stammgruppe erarbeiten die Lernenden ihren Teilbereich des Themas zu Hause. Vor der Gruppenbildung der unterschiedlichen Experten treffen sich die themengleichen Experten zu Beginn der Stunde nur kurz in den Stammgruppen, um sicherzustellen, dass alle das Thema verstanden haben. Dann erfolgt die Gruppenphase, in der sich die Experten die Teilbereiche gegenseitig erklären. Anschließend bleibt Zeit, um das Thema durch zusätzliche Übungen zu festigen.

Ablauf

  1. Erarbeitung des Teilgebiets als Vorbereitung
  2. Kurzer Austausch in Stammgruppen zum Abgleich des Gelernten
  3. Gruppenphase mit Treffen der einzelnen Experten (Erarbeitung neuer Inhalte der anderen Experten und Festigen des eigenen Themas im Sinne von Lernen durch Lehren)
  4. Übung und Vertiefung mit weiterführenden Aufgaben
AWVM_AFR_Blog Beispiel

Beispiel für Erarbeitungsblatt aus der SteX

Trainieren des selbstständigen Arbeitens mit Videos

Die selbstständige Vorbereitung auf die Stunde verlangt von den Lernenden noch mehr Verantwortung als beim „üblichen“ Flipped Classroom, da die Schülerinnen und Schüler nicht mehr nur für das eigene, sondern auch für das Lernen der Klassenkameraden verantwortlich sind.

Ich glaube, diese Art des Lernens kann vor allem dann funktionieren, wenn die Klasse schon im Vorfeld trainiert hat, sich so aktiv am Lernprozess zu beteiligen und etwa durch die eigenständige Vorbereitung auf den Unterricht Verantwortung für das (eigene) Lernen zu übernehmen. Tatsächlich hat die Stunde wunderbar funktioniert, weil die Lerngruppe gut vorbereitet in den Unterricht kam, sofort in der Stammgruppe mit dem gegenseitigen Erklären loslegen konnte und so viel Zeit zum Üben übrig blieb!

Das Material zur Stunde gibt’s im Lehrkräfte-Bereich zum Herunterladen!